Offener Brief an die Deutsche Apotheker Zeitung – Drei Widersprüche im Beitrag zur Kariesprävention

Wir veröffentlichen unseren offenen Brief an Ralf Schlenger, Autor der Deutschen Apotheker Zeitung (DAZ). Anlass ist sein am 25. September 2026 veröffentlichter Beitrag „Warum Fluoride trotzdem Goldstandard der Kariesprävention sind“, der sich auch mit BEYOND FLUORID auseinandersetzt.

Der Beitrag erkennt Hydroxylapatit-Zahnpasta bei geringem Kariesrisiko als vertretbare Alternative an. An drei Stellen ist die Darstellung jedoch fachlich nicht stimmig: bei der Empfehlung einer systemischen Fluoridgabe an Säuglinge trotz betont lokaler Wirkung, bei der Gleichsetzung unterschiedlicher Fluoridverbindungen und bei der Bildung von Calciumfluorid im Mund. In unserem Schreiben setzen wir uns mit diesen Punkten auseinander und plädieren dafür, für Fluorid und seine Alternativen dieselben wissenschaftlichen Maßstäbe anzulegen.

Zum Beitrag der DAZ: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2026/09/25/warum-fluoride-trotzdem-goldstandard-der-kariespraevention-sind

Fluorid in der Kariesprävention: Drei Widersprüche im DAZ-Beitrag vom 25. September 2026

Sehr geehrter Herr Schlenger,
Ihr Beitrag „Warum Fluoride trotzdem Goldstandard der Kariesprävention sind“ vom 25. September 2026 setzt sich auch mit unserer Initiative auseinander [1]. Er differenziert dort, wo es die Studienlage verlangt: Randomisierte klinische Studien zeigen keinen signifikanten Unterschied zwischen Zahnpasten mit Hydroxylapatit und Fluoridzahnpasten in der Kariesprophylaxe [1, 2], und bei geringem Kariesrisiko gilt eine hochwertige Hydroxylapatit-Zahnpasta als vertretbare Alternative [1].
An drei Stellen ist die Darstellung jedoch fachlich nicht stimmig, und zwar gerade dort, wo sie für die Beratung in der Offizin entscheidend ist.

1. Fluorid: Lokal wirksam, aber systemisch verabreicht
Der Artikel betont zunächst, dass Fluorid für die Kariesprävention nicht in den Körper gelangen müsse, sondern lokal an der Zahnoberfläche wirke. Wenige Absätze später wird jedoch empfohlen, Säuglingen ab dem ersten Zahn täglich 0,25 mg Fluorid in Tablettenform zu geben und gleichzeitig fluoridfreie Zahnpasta zu verwenden. Für eine systemische Fluoridgabe bei Säuglingen ist kein belastbarer kariespräventiver Nutzen belegt. Ein Cochrane-Review bewertet die kariesprotektive Wirkung von Fluoridsupplementen auf Milchzähne vielmehr als unklar [3]. Dem steht das Risiko einer Dentalfluorose sowie weiterer entwicklungsbedingter Zahnschmelzdefekte bei übermäßiger Fluoridaufnahme während der Zahnschmelzbildung gegenüber [4, 5]. Eine systemische Fluoridgabe sollte daher nicht empfohlen werden, wenn kein nachgewiesener Nutzen besteht, aber mögliche Nebenwirkungen berücksichtigt werden müssen.

2. Fluorid ist nicht gleich Fluorid
Calciumhaltige Hilfsstoffe setzen die Bioverfügbarkeit von Natriumfluorid herab, für Natriummonofluorphosphat (MFP) gelte dies nicht [1]. Dort ist das Fluorid fest am Phosphor gebunden und muss erst enzymatisch abgespalten werden. Nach Zimmer und Bizhang verläuft dieser Prozess jedoch langsam und unvollständig [6]. Albahrani et al. fanden nach dem Putzen mit MFP-Zahnpasta zu keinem Zeitpunkt eine signifikant höhere Speichelfluoridkonzentration als nach einer fluoridfreien Kontrolle; bei Natrium- und Aminfluorid zeigte sich dieser Unterschied bereits nach kurzer Zeit [7]. In einer dreijährigen Studie mit 5.474 Kindern führte Natriumfluorid gegenüber MFP gleicher Konzentration zu einem signifikant geringeren Kariesszuwachs [8]. Betroffen sind keine Randprodukte: In Deutschland waren in den vergangenen drei Jahren 28 MFP-Zahnpasten erhältlich [9]. Die Differenzierung, die der Beitrag beim Hydroxylapatit zu Recht einfordert, muss auch innerhalb der Fluoride gelten. Entscheidend ist daher nicht allein der nominelle Fluoridgehalt, sondern auch die chemische Form, die Geschwindigkeit der Fluoridfreisetzung und die tatsächlich belegte klinische Wirksamkeit.

3. Calciumfluorid bildet sich auch im Mund
Fluorid aus Natrium- oder Aminfluorid reagiert unmittelbar mit Calcium zu schwer löslichem Calciumfluorid. Das geschieht nicht nur in der Zahnpastatube, sondern ebenso während des Zähneputzens mit dem Calcium aus Speichel und Zahnoberfläche [10]. Für Aminfluoride beschreibt die DAZ diese „rasche Bildung von Calciumfluorid an der Zahnoberfläche“ selbst [1]. Damit ist die im Beitrag angesprochene Verringerung der Fluoridverfügbarkeit nicht auf die Zahnpastaformulierung beschränkt, sondern kann auch im Mund auftreten. Eine vollständige und durchgehende Calciumfluorid-Deckschicht auf den Zähnen nach der Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasten ist zudem bislang analytisch nicht nachgewiesen [11].

Unser Anliegen ist nicht, die Wirkung topischer Fluoride zu bestreiten. Es geht vielmehr darum, für Fluorid und seine Alternativen dieselben wissenschaftlichen Maßstäbe anzulegen, topische Wirkung und systemische Aufnahme sauber zu trennen und die einzelnen Fluoridverbindungen differenziert zu bewerten.

Wir würden es daher begrüßen, wenn Sie die Aussagen zur systemischen Fluoridgabe sowie zur Gleichwertigkeit unterschiedlicher Fluoridverbindungen entsprechend präzisieren und dabei zwischen nominellem Fluoridgehalt, tatsächlicher Fluoridverfügbarkeit und klinischer Wirksamkeit unterscheiden.
Die im Beitrag erwähnte Antwort der Stiftung Warentest auf unseren offenen Brief, datiert auf den 26. März 2026, liegt uns seit dem 9. Oktober vor. Sie hatte uns nach Auskunft der Stiftung wegen eines Adressierungsfehlers zunächst nicht erreicht.

Für ein fachliches Gespräch stehe ich Ihnen gemeinsam mit unserem Wissenschaftlichen Beirat gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Staatsminister a.D.
Dr. med. dent. Wolfgang Heubisch
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats

Literatur und Quellen
[1] Schlenger, R., 2026: Warum Fluoride trotzdem Goldstandard der Kariesprävention sind. Deutsche Apotheker Zeitung, 25. September 2026. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2026/09/25/warum-fluoride-trotzdem-goldstandard-der-kariespraevention-sind

[2] Chatzidimitriou, K. et al., 2025: The role of hydroxyapatite-based, fluoride-free toothpastes on the prevention and the remineralization of initial caries lesions: A systematic review and meta-analysis. Journal of Dentistry, Band 156, Artikel 105691. DOI 10.1016/j.jdent.2025.105691.

[3] Tubert-Jeannin, S. et al., 2011: Fluoride supplements (tablets, drops, lozenges or chewing gums) for preventing dental caries in children. Cochrane Database of Systematic Reviews, Heft 12/2011, Artikel CD007592. DOI 10.1002/14651858.CD007592.pub2.

[4] Angelillo, I. F. et al., 1990: Prevalence of dental caries and enamel defects in children living in areas with different water fluoride concentrations. Community Dental Health, Band 7, Heft 3, S. 229–236.

[5] Jedeon, K. et al., 2016: Chronic Exposure to Bisphenol A Exacerbates Dental Fluorosis in Growing Rats. Journal of Bone and Mineral Research, Band 31, Heft 11, S. 1955–1966. DOI 10.1002/jbmr.2879.

[6] Zimmer, S. und Bizhang, M., 2026: Ist Fluorid ersetzbar? Zahnärztliche Mitteilungen, Heft 11/2026, S. 50–55.

[7] Albahrani, M. M. et al., 2022: Salivary fluoride concentration following toothbrushing with and without rinsing: a randomised controlled trial. BMC Oral Health, Band 22, Artikel 53.

[8] Marks, R. G. et al., 1994: Results from a three-year caries clinical trial comparing NaF and SMFP fluoride formulations. International Dental Journal, Band 44, S. 275–285.

[9] Marktauswertung: In Deutschland innerhalb der vergangenen drei Jahre erhältliche Zahnpasten mit Natriummonofluorphosphat, 28 Produkte.

[10] Larsen, M. J. und Richards, A., 2001: The Influence of Saliva on the Formation of Calcium Fluoride–Like Material on Human Dental Enamel. Caries Research, Band 35, Heft 1, S. 57 ff. https://karger.com/cre/article-abstract/35/1/57/84989

[11] Epple, M. et al., 2022: Prevention of Caries and Dental Erosion by Fluorides – A Critical Discussion Based on Physico-Chemical Data and Principles. Dentistry Journal, Band 10, Artikel 6. DOI 10.3390/dj10010006.